Von Abfall und Zufall

Die Geschichte der Morbs – bis heute

Morbaillettes ist ein merkwürdiges Wort. Aber ich habe es nicht erfunden.
Ich habe es gefunden. Es ist ein Fundstück.
Ich habe es gefunden im Slumberland. Im Reich des König Morpheus. Irgendwo zwischen Tiefschlaf und Wachsein. Falls es letzteres überhaupt gibt. Die Grenzen sind fließend, das Wort Morbaillettes ein wenig sperrig. Es ist meine Erfindung, ich kann es als Alleinstellungsmerkmal nutzen. Für den Alltag habe ich es ein wenig schrumpfen lassen. Es hat sich in Morbs verjüngt.

Finden, Erfinden

Morbs bestehen aus Gefundenem. Ich habe das Material, aus dem sie bestehen, nicht zusammengesucht. Ebenso, wie das Wort aus dem Irgendwo, Nirgendwo stammt, so bestehen die Morbs aus Einzel-Teilen, die irgendwo herumlagen, im Alltag, mitten in der Welt, und doch schon auf dem Wege ins Nirgendwo waren: so genannter Müll. Abfall, Zeugs, das sich auf dem Weg in den Orkus befand. Ins Abseits. Abfall: etwas, das abgefallen ist aus der Welt des Nutzens. Herausgefallen ist aus der Welt des Nutzens, wie er uns vernünftig erscheint.
(Fortgeworfenes. Fortgewortfenes.)
Angefangen hat das, als ein Freund den Rückspiegel eines Autos an die Wand hängte. Er hatte ihn weggefischt vom Straßenrand. Er war wohl abgerissen worden, abgeschlagen, abgefallen. Rein in die Gosse. Dann war so einiges über ihn hinweggerollte. Die Glasfläche lag zerschmettert: ein Spiegel, in Hunderte von Scherben zersplittert.
Andererseits war er wieder heil geworden. Die Fläche der hundert Splitter war derart in den Asphalt gepresst, dass sich schwarze Teer-Masse in die Fugen gedrückt hatte. Ein Stück Abfall, das seine eigene Geschichte erzählte. Ein Kunstwerk, das der Zufall geschaffen hatte. Aus Abfall.
Ein Eindruck. Doch dieser Eindruck wirkte intensiv nach.
Von da an guckte ich anders in die Welt. Ins Abseits, das ja mitten im Alltag zu finden ist. Ich fand vieles. Viele Dinge, die in der Gosse lagen. Oder am Wegesrand. Ich sammelte die Sachen wie Kostbarkeiten. Verrostete Schrauben mit ihrem wundervollen Reiz. Abgeschabtes, Abgewetztes.
Etwas, das fast schon „drüben“ gewesen ist. Noch nicht ganz. Aber immerhin – fast schon.
Woraus sich – möglicherweise – die Silbe Mor beziehen mag.
Ich schnappe die Kleinigkeiten fort von der Schwelle. Von der Schippe des Todes, der Schwelle zum Orkus. Zum Reich von König Morbus. Dem Tod. Morpheus, der kleine Bruder. Todgeweihte. Morituri. Totgesagte, die länger leben. Wie die Todgeweihten. Länger, als „man denkt. Mordred hieß der, der den guten König Artus erschlug.

Wunderkammer

Das Schwierigste ist, dass ich mich auf das Finden verlegt habe. Einerseits muss ich dem Reiz widerstehen, Schrottplätze aufzusuchen, Sperrmüllhaufen zu plündern, Papierkörbe auszuheben. Andererseits erhält jedes echt gefunden Teil, - das mir auffällt, mir vor die Füße fällt, - einen derartigen Wert (erhält), der dazu führte, dass ich mich lange Zeit nicht aus dem Bann seines Zaubers befreien konnte.
Ich hatte nach einer Weile in Kisten und Koffern, Kartons und Kassetten so einige angesammelt. Dinge, die andere als Müll, ich aber als Schatz betrachtete. Dann kam mir zu Bewusstsein: das ist ja auch Quatsch, dass ich die Sachen vor dem Orkus rette, nur um sie der Finsternis meiner Behältnisse und meines Keller zu überantworten.
Ich verfiel auf die Idee, eine Wunderkammer einrichten zu können, nach klassischer Art. Was aber an den Bedingungen der üblichen Mietverhältnisse scheiterte: Ich musste zugestehen, dass Mitbewohner mehr Recht auf einen Raum besaßen als mein „Müll“.
Auf die Idee, Figuren herzustellen, war ich ja schon gekommen. Jedoch schreckte ich davor zurück: Zu groß erschien mir die Gefahr, dass die Einzelteile an Zauber einbüßen könnten, wenn ich sie zu sehr einem „Nutzen“ zurückgeben würde.
Eines Tages schob ich meine Schätze, einmal mehr, auf meinem Schreibtisch hin und her, und es fügte sich etwas: Irgendwie kam noch ein Tropfen Kleber hinzu, und auf einmal stand etwas vor mir, das mich anzublicken schien. Es war eine Frage des Blickes: eine bestimmte Art, die Dinge anzuschauen. In ihrer fatalen Eigenschaft, dass sie nichts weiter sind als eine bestimmte Anordnung von Elementarteilchen. Was auch für den Menschen gilt.
Da stand etwas. Ich erinnerte mich sofort an das Wort, das ich geträumte hatte. Das ich aufgefunden hatte. Morbaillette. Da waren sie: Morbaillettes.

Wunderkerzen

All diese Kleinigkeiten üben ihren eigenen, wunderbaren Reiz auf mich aus. Verdrehte Schrauben, getrocknete Regenwürmer (oder alles Mögliche, was so aussieht); zerrupfte Bürsten, abgewetzte Kronkorken. Abgebrannte Wunderkerzen.
Manchmal vertrocknete Auberginen, Sattelnasen. Bindfäden, platt gefahrene Dosen, Brillen, Kettchen.
Die Sachen sehen toll aus. Sie können hässlich sein. Dreckig. Rätselhaft. Alles auf einmal, das ist möglich.
Auch hier sehe ich es so, dass die Grenzen fließend sind. Wie jene zwischen Tiefschlaf und Wachsein.
Eine Grenze wie der Übergang zwischen dem Bodenlosen und dem festen Grund. Das nennt man Strand: dort, wo sich das Ungangbare mit dem Begehbaren mischt. Strandgut.
Wobei ich am Strand bislang nur eine einzige, wirklich schöne Kleinigkeit fand. Einen völlig verrosteten Fahrradschlüssel. Nach dem ist sicherlich einmal schön gesucht worden ist.
Jetzt habe ich ihn. Könnte sein, dass sich eine Rückgabe erübrigt. Er sieht auch schon nicht mehr so aus wie früher.
Ich halte das Ding in Ehren, und es wird mich Überwindung kosten, ihn zu verarbeiten.
Es wird wieder ein Wunder werden, wenn daraus ein Morb entsteht.

In Müll verwandelt

Dann kam es zu dieser ominösen Ausstellung. Ominös war sie keinesfalls von Anfang an. Ich wurde in hervorragender Weise unterstützt, beim Aufbau. Doch beim Abbau ereignete sich etwas, da in mir das Bewusstsein schärfte, kam, was in ihnen steckt: Was der Zauber der Morbs darstellt.
Beim Aufbau erhielt ich großzügige und erfreuliche Unterstützung, im Wesentlichen von den Hausherren des Ausstellungsraumes. Beim Abbau waren diese Menschen nicht mehr zugegen. Vielmehr erhielt ich eine eher abrupte Aufforderung, „meine Sachen abzubauen“. Wobei der „Abbau“ aus unerfindlichen Gründe bereits stattgefunden hatte, als ich mich dazu beim Ausstellungsraum einfand. Letztlich verließ ich den Ort mit mehreren Taschen und Kartons voller Einzelteile. Meine Morbs hatten sich wieder in Müll verwandelt. Der „Abbau“ hatte ein wenig burschikos stattgefunden.
Zunächst nahm ich dieses Geschehen tapfer hin. Ich dachte: Wer bin ich schon. Was unweigerlich dazu führt, dass der Mensch eine mittelprächtige Depression entwickelt. Das musste ich mir eingestehen, als sie mir bewusst wurde. Die Geschichte hatte mich mehr verletzt, als ich zunächst hatte wahrnehmen wollen. Oder können.
So weit, so blöd.

Wiederauferstanden

Nach einer Weile kam mir in den Sinn: Was für ein Blödsinn, sagte ich mir. Vielmehr: Welch ein Glück! Ich habe einen Haufen an neuem Material zur Verfügung. Die Morbs sind aus Schrott genommen. Sie sind zu Schrott geworden. Sie können aus Schrott neu erstehen. Es ist nur eine Frage des – Blicks. Es ist nur eine Frage dessen, wie ernst ich meine eigene Sache nehme.
Aus meiner mittelprächtigen Depression wurde beste Laune, und es entstand erfrischende Schaffenskraft.
Ich habe mit Haut und Haaren erfahren, welche Kraft den Morbs innenwohnt.
Ich denke, mehr als jemals zuvor: Die Welt ist voller Ignoranten. Es geht darum, trotzdem etwas zu tun. Gerade wegen ihnen. Ihnen zum Trotz.
Das ist, was mich überzeugt an meinen Morbaillettes: Ich führe es auf das Material zurück, das ihnen innewohnt, aus dem sie bestehen. Es ist ein Material, das mit einer anderen Absicht produziert worden ist. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es sich bei dieser um keiner wirklich gute gehandelt hat. Ich finde es gut, dass diese Elementarteilchen aus ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang gerissen wurden. Ich füge sie neu zusammen. In einem Akt meines Eigensinnes.

Die Reise ins Morgen

Da stehen sie dann. Morbs. Vielleicht sogar in einer Ausstellung.
Doch auch eine Ausstellung bedeutet Stillstand.
Darum kann es eigentlich nicht gehen. Das kann es eigentlich auch wiederum nicht sein. Auf Dauer. Dass sie da stehen. Statt ausgestellt, sollten sie vielleicht eher ausgesetzt werden. so dass sie eine Chance bekommen, ein weiteres, wirklich neues Leben zu führen. Sozusagen.
Wie könnte die Sache zu einer angemessenen Ausführung finden?
Dass ich die Morbs, Stück für Stück, Charakter für Charakter, aussetzen könnte. Nicht ausstellen, sondern aussetzen. Was bedeutete: Ihnen die Freiheit schenken. Sie (wieder) dem Straßengraben anheimstellen. Sie auf ein Garagendach setzen, auf einen Friedhof, in eine Straßenbahn, auf eine öffentliche Toilette.
All das ist noch nicht durchdacht. Ich schrecke natürlich davor zurück, sie fortzugeben. Meine Figuren der Zerstörung auszusetzen. Der Welt der Ignoranten. Ich mag sie nur ungern auf Reisen schicken.
Vielleicht finden sich die richtigen Möglichkeiten.
Die gute Idee fehlte noch. Denn gerne möchte ich dokumentieren, wie es ihnen weiter ergeht. Wie die Geschichte weiter geht.
Wenn es um das Morgen geht.
Das wunderbare, schreckliche Morgen, das uns immer wieder zur Verfügung steht.

Dezember 2018